{"id":1935,"date":"2024-01-18T13:22:26","date_gmt":"2024-01-18T12:22:26","guid":{"rendered":"https:\/\/bspw.xyz\/?p=1935"},"modified":"2024-01-23T15:20:17","modified_gmt":"2024-01-23T14:20:17","slug":"wirksame-kollektive-entscheidungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bspw.xyz\/en\/gedanken\/wirksame-kollektive-entscheidungen\/","title":{"rendered":"Erste Werkzeuge und Voraussetzungen f\u00fcr wirksame kollektive Entscheidungen"},"content":{"rendered":"<p>Je komplexer, uneindeutiger und unangenehmer Entscheidungen werden, je hilfreicher ist es oft, m\u00f6glichst viele Perspektiven von Anfang an in den Prozess zu involvieren. Davor schrecken allerdings viele aus gutem Grund zur\u00fcck: Es kann sehr langwierig und kr\u00e4ftezehrend werden, ohne dass ein zufrieden stellendes Ergebnis dabei herausk\u00e4me.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Vor- und Nachteile herk\u00f6mmlicher Entscheidungsprozesse<\/span><\/h5>\n<p>Die allgemein bekannten Arten der Entscheidungsfindung reichen dabei selten aus:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Autokratische Entscheidungen<\/strong> sind schnell, aber blenden wichtige Perspektiven aus und die Motivation der Personen, die nicht an der Entscheidung beteiligt waren, diese Entscheidung mitzutragen, h\u00e4lt sich oft in Grenzen.<\/li>\n<li><strong>Mehrheitsentscheide<\/strong> verlieren beispielsweise schnell wichtige Minderheiten aus dem Blick.<\/li>\n<li>Und einen <strong>Konsens<\/strong> finden ist nicht nur sehr aufw\u00e4ndig, im schlimmsten Fall hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, der niemanden zufrieden stellt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gibt aber weitere M\u00f6glichkeiten, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die einige Vorteile gegen\u00fcber den gesellschaftlich bekannteren haben. Sie haben beispielsweise Minderheiten im Blick, zielen auf den gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Nenner und sind mit etwas \u00dcbung dabei trotzdem erstaunlich effizient und wirkungsvoll. Es handelt sich um das <strong>systemische Konsensieren<\/strong> und den <strong>Konsent<\/strong>.<\/p>\n<p>Diese Entscheidungswerkzeuge und ihre Voraussetzungen erforschen wir in unserem Workshop \u201cbeispielsweise Entscheidungen treffen\u201d im April 2024.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Kollektive Entscheidungen treffen \u00fcber Widerstandsabfrage statt Zustimmung<\/span><\/h5>\n<p>Sie machen etwas grunds\u00e4tzlich anders: Sie fragen Widerst\u00e4nde ab, nicht Zustimmung. W\u00e4hrend wir bisher gefragt wurden, ob wir uns f\u00fcr einen Vorschlag aussprechen, fragen wir hier, ob wir damit guten Gewissens leben k\u00f6nnen oder ob wir etwas dagegen einzuwenden haben. Das klingt banal, hat aber eine gro\u00dfe Wirkung: Einerseits vergr\u00f6\u00dfert sich der L\u00f6sungsraum immens. Es gibt n\u00e4mlich mehr L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge, mit denen wir leben k\u00f6nnen als solche, denen wir aktiv zustimmen w\u00fcrden. Was unseren Arbeitsbereich oder das Wohlergehen des Unternehmens nicht beeintr\u00e4chtigt, ist vielleicht nur \u201cokay f\u00fcr uns\u201d, aber das reicht schon. Andererseits beziehen wir das Wissen von allen Betroffenen gleichwertig ein und k\u00f6nnen bei Bedarf ganz konkret dar\u00fcber sprechen, wie sich der Vorschlag verbessern l\u00e4sst, sodass er das Wohl des Unternehmens und seiner Mitarbeiter:innen nicht gef\u00e4hrdet. Au\u00dferdem z\u00e4hlt die Schwere, sozusagen die Qualit\u00e4t des Einwands, nicht die Quantit\u00e4t, also die Frage, wie viele Menschen das gleiche denken. Schauen wir uns eines dieser Verfahren genauer an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Konsent auf einen Blick<\/span><\/h5>\n<p>Der Konsent ist ein Teil der Soziokratie, kann aber auch losgel\u00f6st von der Kreisorganisationsmethode genutzt werden. Wenn wir einen Konsent gefunden haben, dann bedeutet das, dass es im Kreis der Beteiligten keinen schwerwiegenden und begr\u00fcndeten Einwand im Bezug auf das gemeinsame Ziel mehr gibt. Dieser letzte Teil ist ausgesprochen wichtig: Die Vorschl\u00e4ge werden beurteilt in Bezug auf das gemeinsame Ziel, nicht in Bezug auf pers\u00f6nliche Vorlieben. Das Konsentverfahren eignet sich vor allem f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere, grundlegende Entscheidungen, die Auswirkungen auf viele Personen haben werden und fordert die aktive Teilnahme aller Beteiligten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">ABLAUF einer Konsententscheidung <\/span><\/h5>\n<p>Ein*e Falleingeberi*n pr\u00e4sentiert einen Vorschlag.<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Informationsrunde<\/strong><br \/>\nHast du eine Frage zum vorliegenden Vorschlag?<br \/>\nWelche Informationen brauchst du noch, um dir eine Meinung bilden zu k\u00f6nnen?<\/li>\n<li><strong>Erste meinungsbildende Runde<\/strong><br \/>\nWie geht es dir mit diesem Vorschlag? Was h\u00e4ltst du davon? Was ist deine Meinung zu diesem L\u00f6sungsvorschlag?<\/li>\n<li><strong>Zweite meinungsbildende Runde<\/strong><br \/>\nWie geht es dir mit dem Geh\u00f6rten? Hat sich bei dir dadurch etwas ver\u00e4ndert? Hast du Ideen f\u00fcr eine m\u00f6gliche L\u00f6sung?<\/li>\n<li><strong>Konsent-Runde<\/strong><br \/>\nDie Moderatorin erstellt aus dem Geh\u00f6rten einen Vorschlag zum Konsent.<br \/>\nHandzeichen aller: Zustimmung. leichte Bedenken, schwerwiegender Einwand.<\/li>\n<li><strong>Beschlussfassung ODER Integration<\/strong> des schwerwiegenden Einwands<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Einw\u00e4nde anzeigen und integrieren<\/span><\/h5>\n<p>In der Konsent-Runde haben alle Beteiligten die M\u00f6glichkeit anzuzeigen, in der Regel \u00fcber Handzeichen, ob sie bei dem zusammengefassten Vorschlag mitgehen k\u00f6nnen oder noch <strong>leichte oder schwere Einw\u00e4nde<\/strong> dagegen haben. Leichte Einw\u00e4nde wollen lediglich geh\u00f6rt werden. Schwere Einw\u00e4nde wollen integriert werden, das hei\u00dft, der Vorschlag soll so angepasst werden, dass die Einw\u00e4nde nicht mehr bestehen. Die Person, die einen solchen Einwand erhebt, muss nicht wissen, wie genau eine solche L\u00f6sung aussehen kann, verpflichtet sich aber, an daran mitzuwirken.<\/p>\n<p>Auf diesem Wege denken alle mit und tragen auch Verantwortung f\u00fcr die Entscheidung. <strong>Ein Einwand, manche sagen auch Widerstand, wird somit zu einem wertvollen Beitrag zu einer besseren L\u00f6sung.<\/strong> Das ist ein spannendes Reframing von etwas, das in hierarchischen Beziehungen oft als l\u00e4stig und st\u00f6rend empfunden wird, und eine wichtige Lernerfahrung auf dem Weg in ein Miteinander, in der wir Verantwortung f\u00fcr uns selbst und unsere Gesellschaft \u00fcbernehmen. Was w\u00e4re anders, wenn wir jedem Menschen im Widerstand, ob Kind oder erwachsen mit der Einstellung begegnen, dass sie gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Einw\u00e4nde haben, die wichtige Informationen f\u00fcr unser Miteinander enthalten? Was w\u00e4re anders wenn wir uns selbst vornehmen, immer wieder sorgf\u00e4ltig zu pr\u00fcfen, ob wir tats\u00e4chlich guten Gewissens mitgehen k\u00f6nnen mit dem, was wir uns angeboten wird, zu tun? Ich verweise dazu einfach mal aufs <a href=\"https:\/\/vetoinstitut.de\/\">Veto Institut<\/a> und kehre zur\u00fcck in den Kontext von Organisationen. Eine wichtige und nicht leicht zu beantwortende Frage bleibt, was passiert, wenn sich ein schwerwiegender Einwand nicht integrieren l\u00e4sst. Dann gilt es beispielsweise reinzuzoomen und genau hinzuschauen, welche offensichtlichen Unterschiede bestehen im Verst\u00e4ndnis des gemeinsamen Ziels oder auch der Risikoeinsch\u00e4tzung und welche Konsequenzen es hat, wenn diese Person die Entscheidung nicht mittr\u00e4gt. Wie jedes andere Verfahren, ist auch der Konsent kein Zaubertrank, der alle Probleme l\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Was bewirkt ein Konsentverfahren im besten Fall?<\/span><\/h5>\n<ul>\n<li>Das gesamte Spannungsfeld an Meinungen wird aufgemacht.<\/li>\n<li>Alle \u00fcbernehmen Verantwortung f\u00fcr die gemeinsame Entscheidung.<\/li>\n<li>Das Vertrauen zwischen den Beteiligten wird ausgebaut.<\/li>\n<li>Entscheidungen werden im Sinne eines gemeinsamen Ziels getroffen.<\/li>\n<li>Im Idealfall: Hochwertige Entscheidungen durch die Integration aller Bed\u00fcrfnisse.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><span style=\"font-size: 18pt;\">Unabdingbare Voraussetzungen f\u00fcr die Anwendung<\/span><\/h5>\n<p>\u201cA fool with a tool is still a fool.\u201d wissen wir mit Grady Brooch und \u201cCulture eats strategy for breakfast.\u201d mit Peter Drucker. Damit solche Entscheidungsprozesse in einer Gruppe oder einem Team \u00fcberhaupt wirksam sein k\u00f6nnen, m\u00fcssen einige Voraussetzungen gegeben sein: Die <strong>Bed\u00fcrfnisse <\/strong>der Beteiligten werden ernst genommen, es herrscht ein <strong>hohes Ma\u00df an Vertrauen<\/strong>, alle Beteiligten begegnen sich auf <strong>Augenh\u00f6he<\/strong> und beteiligen sich aktiv. Sonst wird die Frage, ob es Bedenken oder Einw\u00e4nde gibt, n\u00e4mlich einfach auf h\u00f6fliches oder auch \u00e4ngstliches Schweigen sto\u00dfen. Au\u00dferdem muss sichergestellt sein, dass sich alle Beteiligten an einem <strong>\u00fcbergeordneten Ziel<\/strong> orientieren, indem dieses Ziel klar benannt und bekannt ist und die Beteiligten sich ihrer Intentionen bewusst sind, damit sie nicht doch ihren pers\u00f6nlichen Vorlieben folgen. Das sind bei Weitem keine Kleinigkeiten, sondern in vielen F\u00e4llen Ergebnisse langer Entwicklungsprozesse.<\/p>\n<p>M\u00f6gliche Wege in eine solche Kultur erforschen wir in unserem Artikel \u201cErste Schritte f\u00fcr hierarchie\u00e4rmeres Arbeiten und mehr Selbstorganisation\u201d und unserem <a href=\"https:\/\/bspw.xyz\/en\/begegnungen\/selbstorganisation-2024\/\">Workshop \u201cErste Interventionen f\u00fcr hierarchie\u00e4rmere Zusammenarbeit\u201d<\/a> im Mai 2024.<\/p>\n<p><em>Roxana Baur und Maren Drewes<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je komplexer, uneindeutiger und unangenehmer Entscheidungen werden, je hilfreicher ist es oft, m\u00f6glichst viele Perspektiven von Anfang an in den Prozess zu involvieren. 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