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Entscheidungen treffen aus dem Bauch heraus

Entscheidungen aus dem Bauch heraus seien keineswegs schlechter, oft sogar besser als solche des Verstandes, wird in vielen Beiträgen zum Thema verkündet. Bei schwierigen Entscheidungen hilft diese Information aber selten wirklich weiter.


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Ein Beitrag von Nadine Köhne

Sucht man online nach dem Thema „Entscheidungen (besser) treffen“, dann findet man zahlreiche Tipps, wie Pro- und Contra-Listen erstellen, sich Zeit nehmen für gewichtige Entscheidungen und immer wieder die Behauptung: Entscheidungen aus dem Bauch heraus seien keineswegs schlechter als solche des Verstandes. Dann wird gerne auf Studienergebnisse verwiesen, die zeigen, dass Golfspieler besonders gut spielen, wenn sie eben nicht mehr über ihre Schläge nachdenken (Tennis und weitere Sportarten findet man ebenfalls), immerhin mit der Einschränkung, dass das natürlich nicht für Anfänger gelte. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Beispiele gerne bei solchen Tätigkeiten gefunden werden, bei denen man mit etwas Übung geradezu automatisch agieren kann. Die Quintessenz aus diesen Beispielen könnte daher höchstens lauten: Wer in einer Sache viel Übung hat, der kann sich diesbezüglich getrost auf seine Intuitionen verlassen. Das bedeutet auch: Wir können durch viel Übung unsere Intuitionen verbessern. Und: Wenn wir in einem bestimmten Bereich viel Erfahrung gesammelt haben, brauchen wir über Entscheidungen oftmals nicht mehr lange nachdenken; wir können das intuitiv entscheiden.

Schwierige Entscheidungen

Wir treffen jeden Tag äußerst viele Entscheidungen, und die meisten davon fallen uns so leicht, dass wir uns nicht einmal bewusst machen, eine Entscheidung gefällt zu haben. „Wie fahre ich heute zur Arbeit? Ach, es regnet, da nehme ich doch lieber die Bahn als das Fahrrad.“ „Heute habe ich eine Präsentation, da ziehe ich doch lieber dieses lockere Hemd an als das enge Shirt.“ „Oh, ich bleibe lieber fünf Minuten länger im Bett liegen und kaufe mir dann nachher meinen Pausensnack beim Bäcker, statt mir ein Brot zu schmieren.“ Andere Entscheidungen fallen uns hingegen sehr schwer, und wir kommen deshalb ins Grübeln. Das mag daran liegen, dass sie sehr gewichtig sind: „Sollen wir diesen Bewerber einstellen?“, „Sollen wir dieses Akquiseprojekt wirklich durchziehen?“, oder auch „Soll ich meinen Job kündigen?“, “Soll ich meinen Partner verlassen?” Es mag aber auch daran liegen, dass wir eben keine Übung darin haben, solche Entscheidungen zu treffen (und bisweilen will man diese auch gar nicht erlangen: z. B. Job kündigen oder Partner verlassen). Wer sich schon hundert Mal für oder gegen ein neues Akquiseprojekt entscheiden musste, für oder gegen einen Job, dem fällt das sicherlich leichter als jemandem, der das noch nie getan hat. Wie schwer einem also eine Entscheidung fällt, hängt auch wesentlich davon ab, wie viel Übung wir darin haben, solche Entscheidungen zu treffen.

“Entschuldigt mal, ich bin doch kein Golfspieler!”

Habe ich also eine wichtige Entscheidung zu treffen, die mir sehr schwer fällt, kann mir der Hinweis auf die intuitiv agierenden Golfspieler nur wenig weiterhelfen. Das sind Momente, in denen man zurecht denkt: „Entschuldigt mal, ich bin doch kein Golfspieler auf dem Golfplatz…Hier geht es um wichtige Entscheidungen, die ich nicht üben konnte und die ich bestenfalls auch gar nicht üben muss.“ Dass man sich fragt, wie man in diesem oder jenem Fall entscheiden soll, und einem die Antwort nicht leicht fällt, ist ja bereits ein starker Hinweis darauf, dass man es gerade nicht mit einer Situation zu tun hat, in der man sich auf einstudierte Verhaltensweisen, einen großen Erfahrungsschatz und entsprechend gut sortierte Intuitionen berufen kann. Wem das Durchspielen von Entscheidungen also nicht weiterhilft, wem die innere Stimme einfach nichts raten mag, der muss eben erst einmal anders vorgehen und grundlegender ansetzen.

Last but not least: Argumente kritisch betrachten

Genau an dieser Stelle werden dann doch die guten alten Methoden, den Verstand zu bedienen, wieder interessant. Wenn man sich die Zeit nehmen kann, dann lohnt es sich, länger nachzudenken, Fakten zu sammeln, eine Pro- und Contra-Liste zu erstellen und last but not least, die Argumente, die zunächst einmal für oder gegen eine Sache zu sprechen scheinen, kritisch zu betrachten. Denn gerade bei der genaueren Betrachtung der einzelnen Argumente wird oft deutlich: Hier passieren viele Fehler! Da fallen bestehende Handlungs- und Denkoptionen unter den Tisch, werden Zusammenhänge hergestellt, die tatsächlich gar nicht existieren und Thesen unwissentlich mit eingekauft, die man bewusst, niemals unterschrieben hätte. Wie man seine Argumentationsfähigkeit schulen kann, das ist natürlich ein weites Feld. Zum Trost lässt sich sagen: Wer das viel übt, kann bald schon fast intuitiv entscheiden, wie gut ein Argument tatsächlich ist.

Mehr zum Thema Entscheidungen treffen, erfahrt ihr bald auf diesem Blog.

 

Bildrechte: „FH-golf 093“ von Dagur Brynjólfsson, Lizenz: CC BY-SA 2.0, via Flickr.