fbpx
nach oben

Kritischen Denken als Alleinstellungsmerkmal

Sich auf Kritisches Denken zu branden, scheint per Definition problematisch. Denn das Wort „kritisch“ wird im Deutschen durchaus kritisch beäugt: Wer etwas kritisch anmerken möchte, will hierzulande oftmals bloß negative Kritik loswerden und in keinem Falle positive. Dies ist eine vorweggenommene Kritik an der Kritik am Alleinstellungsmerkmal “Kritisches Denken”.


post-img

"Kritische Masse" von Piero Maszterlerz

Wenn wir so manchen Kund*innen in Ihren Diskussionen um Leitbilder, Strategien und das Miteinander zuhören (ganz unabhängig von der Branche oder Organisationsform), könnte man glauben, dass man in der internen wie auch externen Unternehmenskommunikation alles, was nur einen Hauch des Negativen erahnen lassen könnte, – sagen wir –  einen nicht 100% positiven, optimistischen, lebensbejahenden Ton oder Unterton hat, gänzlich aus dem Vokabular streichen sollte. Ganz schön „kritisch“ also, sich als Beraterinnen das „Kritische Denken“ auf die Fahne zu schreiben.

 

Die Bedeutung von Kritik

Der aus dem Französischen stammende Begriff „kritisch” hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet so viel wie ‘entscheidend, zur Entscheidung gehörig, zum (Be)urteilen gehörig’. In der Philosophie wird die Kritik auch beschrieben als „Beurteilung, auch Fähigkeit der Beurteilung, der Prüfung…, die vor den Folgen von Täuschung und Irrtum bewahrt”*. Kritik in diesem Sinne ist also die Fähigkeit einer differenzierten Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt oder einem Gegenstand zu dem Zweck, Irrtümern oder Problemen (mit mehr oder weniger weitreichenden Konsequenzen) gar nicht erst aufzusitzen. Es geht also nicht darum, negative Befindlichkeiten kundzutun, sondern sachliche oder gar konstruktive Argumente anzubringen. Eine Kritik ist demnach keine Bemängelung, sondern eine Beurteilung, die sowohl positive als auch negative Aspekte berücksichtigt. Entsprechend sind auch Literatur-, Theater- oder Stilkritiken keinesweg nur oder gar vorwiegend negativ, sondern geben vielmehr eine fundierte Expert*innenmeinung zu den entsprechenden Werken wieder. Und “Kritik” im kritischen Denken referiert eben genau auf diese Bedeutung von Kritik.

 

“Denken ist für Dichter: Wir wollen anpacken!”

Nun haben wir uns nicht nur auf das Wort kritisch eingeschossen, sondern ausgerechnet auch noch auf das Wort „Denken” und das mag einige genauso irritieren. Es drängt sich nämlich der Verdacht auf, dass ausgerechnet das Land der Dichter und Denker derzeit nicht viel übrig hat für Denkende, zumindest nicht im Arbeitskontext. Handeln ist das neue Denken. „Nicht so viel Denken, einfach mal machen“ ist ein Glaubenssatz, der sich wacker unter den Trending Topics in den Sozialen Medien hält (#einfachmachen) und auch Inhalt unzähliger Sachbücher ist (s. Steve Ayan „Lockerlassen – Warum weniger denken mehr bringt“, Giulio Cesare Giacobbe Wie sie ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen”; Richard Wiseman Machen nicht denken!”). Einzig das über alle Maßen gehypte “Design Thinking” bringt augenscheinlich das Denken  noch auf die Agenda der Menschen (und Unternehmen) hierzulande. Aber nicht weil man das Denken daran so schätzt, sondern weil es ausgerechnet in die Kerbe des „einfach-mal-machen’s” schlägt.

Bloß, wieso wollen alle immerzu nur machen, handeln, tun? Innovationsstau, die Angst vor der Weltherrschaft des Silicon Valley und der verpassten Chance, die eigene geniale Geschäftsidee („eine Pizza-Liefer-App!”) im digitalen Zeitalter realisiert zu haben, scheint zumindest Design Thinking zu einer weltweiten Anhängerschaft verholfen zu haben. Der Wunsch nach dem Tun liegt vermutlich darin begründet, dass wir Menschen vor allem durch das Handeln erleben, dass wir selbstwirksam sind, Dinge gestalten und Wirklichkeiten schaffen können. Es hat vermutlich auch etwas mit unserer Angst vor dem Grübeln, vor dem übermäßigen Überdenken von Optionen zu tun, das uns am Ende daran hindern könnte, überhaupt etwas in Gang zu setzen.

 

Handeln ohne zu Denken ist selten wirkungsvoll

Dabei wissen wir eigentlich alle, dass wir ohne zu denken nicht handeln, geschweige denn selbstwirksam sein können. Selbstwirksamkeit setzt nämlich eine bewusste Auseinandersetzung damit voraus, was man bewirken möchte und wie. Der Glaubenssatz „einfach mal machen” suggeriert, es sei einzig und allein möglich, aus (begangenen) Fehlern zu lernen, so als müsse man jeden Unfug (die hundertste Pizza-Liefer-App) erst einmal gemacht haben, um zu wissen, dass es Unfug ist. Aber Fehler lassen sich durchaus durch den richtigen Einsatz des Denkens vermeiden. Zudem: Wer nur handelt und anschließend nicht (kritisch) reflektiert, also denkt, kann auch nichts aus seinen Fehlern oder Irrtümern lernen (dann eben die Döner-Liefer-App!”). Etwas systematisch und vor allem kritisch zu durchdenken ist deshalb der allererste Test (um in der Design-Thinking-Sprache zu bleiben), die allererste Trockenübung des Tuns. Funktioniert’s nicht im Kopf, dann funktioniert’s in der Umsetzung höchstwahrscheinlich auch nicht.

Kritisches Denken ist selbstgesteuertes Denken, welches die Urteilsfähigkeit und somit das persönliche Entscheidungsvermögen stärkt. Oder wie Robert H. Ennis, Philosoph und Bildungswissenschaftler, sagen würde: „Kritisches Denken ist begründetes, reflexives Denken, das sich auf die Entscheidung konzentriert, was zu glauben oder zu tun ist.“ Und wenn es eine Sache gibt, die uns in diesen unsicheren und ambivalenten Zeiten hilft, ist es das Vermögen, Informationen und Situationen sachlich zu bewerten, um konstruktiv und effektiv zu handeln. Das heißt nicht, dass Entscheidungen dann auch immer richtig sind, sie werden nur potentiell besser, wenn wir die herangezogenen Informationen, Annahmen, Werte und Schlussfolgerungen für uns und andere transparent machen und evaluieren. So können wir Entscheidungen vor uns selbst und anderen nicht nur gut begründen, sondern vor allem auch systematisch daraus lernen und ultimativ bessere Entscheider*innen werden.

Dementsprechend kann die Pizza-Liefer-App unter Umständen auch eine gute Idee sein. Solange man sich zuvor die Mühe macht, seine persönlichen Beweggründe hinter der Entwicklung einer solchen App genauer unter die Lupe zu nehmen und selbstverständlich sowohl quantitative als auch qualitative Marktforschung betreibt, aus der man ein (überwiegend) positives Fazit zieht. Wenn man dann auch noch davon überzeugt ist, die für die Umsetzung notwendigen Mittel zur Hand haben bzw. diese aufbringen zu können und das mit dem Unterfangen einhergehende Risiko als „leistbar” einstuft, lohnt es sich meist seiner Idee nachzugehen und #einfachmalzumachen.

Claire Born

*Philosophisches Wörterbuch. 20. Auflage, neu bearbeitet von Georgi Schischkoff. Kröner, Stuttgart 1978

Comic „Kritische Masse“ von Piero Masztalerz.